Freitag, 12. Oktober 2012

Oktoberfest in São Paulo

„Wir sehen uns dann auf dem Oktoberfest im Club Transatlântico“, beendete Klaus Dormien, zu diesem Zeitpunkt Geschäftsführer der Brasil-Post, unser Telefonat, als bestünde kein Zweifel daran, dass mein Mann und ich das, laut seinen Angaben, „mit Abstand beste Fest innerhalb der deutschen Community“ besuchen würden.
„Jetzt müssen wir wohl zum Oktoberfest“, sagte ich missmutig zu meinem Mann, denn mit dem Oktoberfest konnte ich bislang ungefähr so viel anfangen wie mit dem Sommerfest einer Schrebergartenkolonie. Viel Bier, fetthaltige Speisen und laute Musik, nichts davon nach meinem Geschmack. Wenigstens tragen die Gäste keine ballonseidenen Trainingsanzüge, ging es mir durch den Kopf. Ich erinnerte mich an die Oktoberfest-Fotos aus dem Vorjahr, auf mehreren Seiten in der Brasil-Post abgedruckt, die Frauen in beeindruckenden Dirndln und Männer in schmucken Lederhosen zeigten. Immerhin gäbe es etwas zum Anschauen, tröstete ich mich und stellte mir sogleich die Frage, was ich wohl anziehen könnte.
Ich rekapitulierte die omnipräsente Oktoberfestberichterstattung, die ich über die Jahre in Deutschland mehr oder minder freiwillig verfolgt hatte, und kam zu dem Ergebnis, dass ich mit einer rot-weiß karierten Bluse bestens ausgestattet sein sollte. Eine solche Bluse hatte ich Tage zuvor bei Hering gesehen. Hering, so weiß ich heute, ist eines der ältesten Textil- und Bekleidungsunternehmen Brasiliens und ist mit 564 Stores in Brasilien, Bolivien, Chile, Paraguay, Uruguay und Venezuela höchst erfolgreich. Verglichen wird das Unternehmen gern mit dem amerikanischen Bekleidungsriesen GAP, der ebenfalls erschwingliche Basics verkauft.
Dass ausgerechnet eine brasilianische Bekleidungskette oktoberfesttaugliche Kleidung anbietet, verwundert mich heute nicht mehr, denn Hering wurde 1880 von den deutschen Brüdern Bruno und Hermann Hering in Blumenau im Bundesstaat Santa Catarina gegründet, also in der Stadt, die seit 1984 ihr eigenes Oktoberfest veranstaltet. Hinter dem Original in München, dem Oktoberfest im chinesischen Qingdao, dem Fest in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover und dem Oktoberfest Kitchener-Waterloo in Kanada nimmt Blumenau mit etwa 600.000 Besuchern pro Jahr offiziell weltweit den fünften Rang ein.
Aus rot-weiß wurde rosa-weiß, denn am Morgen der Veranstaltung, bevor ich mich auf den Weg zu Hering machen wollte, stellte ich zu meiner Verwunderung fest, dass ich bereits drei karierte Blusen besitze, die mir allesamt besser stehen würden als die Variante in rot-weiß.
Damit, dass das Oktoberfest in der Megacity so viel Anklang finden würde, hatte ich nicht gerechnet. Als wir ungefähr zwei Stunden nach dem offiziellen Auftakt des auf zwölf Stunden angelegten Events eintrafen, amüsierten sich bereits hunderte Menschen.
Karierte Blusen und Hemden standen, wie erwartet, hoch im Kurs. Ebenso Oktoberfest-T-Shirts von Festen auf der ganzen Welt, meist getragen von reiselustigen Brasilianern, die das Gros der Besucher ausmachten. Ganze Großfamilien mit und ohne deutsche Wurzeln saßen an den Bierzelttischen, standen am Büffet oder trugen Schweinshaxen, Würste oder ähnliche Kalorienbomben durch die Gegend. „Komisch, aus der deutschen Community sind nicht wirklich viele gekommen“, sinnierte ich lautstark, während mein Mann und ich die Reihen durchstreiften, denn die klassische Bierzelt-Musik, ein Stimmungsträger, wummerte durch den großen Saal. Neben einigen Paaren, die wir auf unserer Runde begrüßten, entdeckte ich schließlich eine Frau, die ich vom Treffpunkt-Frühstück kannte. An der Hand hielt sie ihre Tochter, die einfach toll aussah, denn sie trug eine traditionelle Tracht und einen rot-weiß-blauen Blumenkranz im Haar. „Lass uns später reden, meine Tochter muss gleich tanzen“, erklärte die aufgeregte Mutter eilig und entschwand.
Inzwischen waren unsere Freunde, Tereza und Klaus, eingetroffen, die außer uns keine deutschen Kontakte pflegen. Doch das Oktoberfest interessierte die Brasilianerin und den Franken, der vor vielen Jahren nach Lateinamerika ausgewandert war. „Ich würde gern die Tänze anschauen“, sagte ich zu Tereza, und deutete in Richtung Bühne, denn die Darbietungen interessierten mich weit mehr, als das gastronomische Angebot.
Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass Volkstanz mich derart begeistern könnte. Viele kleine, vielfach blonde Mädchen und zwei ernste Jungen präsentierten zusammen mit ihrer Lehrerin, einer schlanken Frau, die aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen schien, Tänze aus unterschiedlichen Landstrichen und Ländern. Eine Aufführung mit Heimatfilm-Flair.
Unwirklich auch die Band, die das gesamte Fest bestritt. Der engagierte Bandleader, dessen Deutsch mehr an eine Fremdsprache erinnerte, brachte den Saal mit Après Ski Hits zum Kochen. Offensichtlich muss es nicht immer Samba oder Bossa Nova sein, denn die brasilianischen Oktoberfestler tanzten mit vollem Einsatz, Männer, die einander eingehakt hatten, Paare, Kinder.
Über 10.000 Kilometer entfernt von der Original-Wiesn erlebte ich bei Mineralwasser und Sauerkraut ein Fest, das mich wider Erwarten begeisterte. Dass deutsches Brauchtum in brasilianischer Interpretation so viel Charme haben könnte, hätte ich nicht gedacht.

Freitag, 5. Oktober 2012

Ronaldo und ich oder von der FORÇA DE VONTADE, der Willenskraft

FORÇA DE VONTADE – titelt das auflagenstarke brasilianische Wochenmagazin Veja in dicken roten Lettern. Im Hintergrund der Fußballspieler Ronaldo, o Fenômeno, mit nacktem Oberkörper, der kritisch seinen dicken Bauch abtastet. Der Ausnahmeathlet, der am 14. Februar 2011, zwei Tage nach meiner Ankunft in Brasilien, seinen Abschied vom Profisport erklärt hatte, ist ausgesprochen beliebt. Seine Popularität, schreibt Veja in seiner Februar-Ausgabe, sei vergleichbar mit der Pelés und Ayrton Sennas. So zog die Fußballikone der 1990er Jahre zum Anlass seines Abschieds sage und schreibe 480 Pressevertreter auf das Trainingsgelände seines letzten Vereins, des Sport Club Corinthians Paulista, kurz Corinthians, 30 Journalisten mehr als zur Vereidigung von Präsidentin Dilma Rousseff am 1. Januar 2011 erschienen waren.
Eines Abends, in einer Werbepause der “Novela das nove”, der 21-Uhr-Telenovela, sah ich ihn zum ersten Mal bewusst wieder, besser: Ich sah einen kräftigen Mann, der mir bekannt vorkam. Zusammen mit dem omnipräsenten Neymar, dem brasilianischen Nachwuchsspieler, warb der für Claro, einen der nationalen Telekommunikationsanbieter. „Das ist Ronaldo“, erklärte mein Mann, als hätte er meine Frage erraten. „Kaum wiederzuerkennen“, kommentierte ich, denn der Mann auf dem Bildschirm unterschied sich optisch sehr vom Spitzensportler Ronaldo. Er musste stark zugenommen haben. Nicht, dass ich seinem Körperbau zu seinen Glanzzeiten viel Beachtung geschenkt hätte. Vielmehr waren mir seine damals eher unglücklich gewählte Frisur, sein Stoppelhaarschnitt mit der Tolle in der Stirn, und seine „Hasenzähne“, die er heute nicht mehr hat, ins Auge gestochen.
Vergangene Woche nun sah ich Ronaldo wieder, in einem Einspieler, der den Ex-Athleten, sichtlich angestrengt, auf einem sportmedizinischen Untersuchungsgerät zeigte. Ronaldo würde seinen Lebensstil ändern, war zu erfahren. In den kommenden drei Monaten werde er mit Ernährungsberatern und einem persönlichen Trainer abnehmen, alles unter sportmedizinischer Aufsicht, zu verfolgen in der Globo-Sendung Fantastico, in der für Ronaldo entwickelten Rubrik “Medida Certa – O Fenômeno”.
Das passt gut, dachte ich mir, denn auch ich hatte mich entschieden, etwas zu unternehmen. Abnehmen und wieder mehr Sport zu treiben, hatte ich ganz oben auf meine Agenda gesetzt, denn nach meinem erfolgreichen Abnehmprogramm mit Almased Anfang Dezember des Vorjahres hatten sich die abgenommenen Pfunde erst unmerklich und schließlich sichtbar in Hüftgold verwandelt. Auch unser Sportprogramm, das wir im Mai begonnen und konsequent drei Mal pro Woche absolviert hatten, war unregelmäßig geworden.
So wertvoll und wirksam Almased ist: Eine Formula-Diät würde mich langfristig nicht weiterbringen. Wie Ronaldo, müsste ich meine Gewohnheiten ändern. Sicher der schwerste Schritt bestünde darin, den “doces e sobremesas”, den Süßigkeiten und dem Nachtisch, abschwören. „Die kannst Du durch (süße) Früchte oder etwas Honig ersetzen“, tröstete mich meine Mutter. Eine gute Idee. Auch würde ich auf mein bewährtes Rezept zurückgreifen: Klassische Kohlehydrate müssten aus meinem Speiseplan eliminiert werden und durch Proteine ersetzt werden.
„Kein Wunder, dass Du Dein Gewicht jahrelang halten konntest“, erklärte mein Mann, der wenig mit meinen Abnehmtricks anfangen kann. „Fragt sich nur, ob eine Ernährung, die ausschließlich aus körnigem Frischkäse und Volvic Kirsche besteht, wirklich gesund und sinnvoll ist.“
In der Tat ist körniger Frischkäse mein Geheimtipp, noch heute, nachdem ich, nach zahllosen Fehlversuchen, auch hier meine Marke gefunden habe. Ähnlich ging es mir mit dem gesunden Queijo Minas Frescal, den ich, bis ich den Richtigen gefunden hatte, eher gewöhnungsbedürftig fand.
Voller Tatendrang habe ich mein kulinarisches Gewohnheits-Änderungs-Programm begonnen und gehe inzwischen auch wieder regelmäßig in die Academia, das Sportstudio.
Am vergangenen Samstag traf ich erneut auf Ronaldo, am Kiosk, auf dem besagten Veja-Cover. Auf neun Seiten berichtet das Magazin über O JOGO DA FORÇA DE VONTADE, das Spiel der Willenskraft, das der Ex-Profi begonnen hat. Ronaldo diene (rechtzeitig zum brasilianischen Frühlingsanfang) als Spiegel im Hinblick auf eine der schwierigsten menschlichen Anstrengungen: die innere Kraft, schlechte Angewohnheiten zu verändern. Es macht Mut, dieses Service-Stück, denn spätestens nach der ersten Spalte, denkt sich wohl so manchen Leser: Wenn selbst Ronaldo, dessen schlechte Angewohnheiten minutiös beleuchtete werden, es schafft, kann auch ich es schaffen. 47,4 Prozent von 800 befragten Brasilianerinnen und Brasilianern zwischen 18 und 44 Jahren, so ist zu lesen, wünschten sich, Gewicht zu verlieren. Von den weiblichen Befragten versuchten dies sogar 61 Prozent, auch wenn die Weg zwischen Wunsch und Aktion schwer zu überwinden sein. Wie es um die eigene Stärke bestellt ist, kann hier getestet werden. Die Anstrengung bedürfe keiner magischen Kräfte, wird der Leser getröstet. Fünf wertvolle Regeln, sollen dabei helfen, das eigene Ziel zu erreichen. Ob es um die sportliche Aktivität, das Anliegen, Geld zu sparen, effizienteres Arbeiten, lernen oder üben geht oder den Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören: Veja hat entsprechende Tipps parat.
Während der kommenden drei Monate ist kein Veränderungswilliger auf sich gestellt, denn jeden Sonntag kann er vor dem Fernseher zusammen mit Ronaldo mit FORÇA DE VONTADE, mit Willenskraft, am “Medida Certa“, dem richtigen Maß, arbeiten.

Freitag, 28. September 2012

55 é Henrique Madeira oder auch die Melodie von Alagoas

Fahnen säumten unseren Weg vom Guararapes International Airport in Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco, bis nach Maragogi, unserem Reiseziel im benachbarten Alagoas. „Hier wird am 7. Oktober offensichtlich auch gewählt“, warf ich ein und setzte meinen Mann über mein durch die “Horário Político”, die politische Zeit, erworbenes Wissen ins Bild.
Mit Begeisterung sehe ich das “Programa eleitoral obrigatório”, die obligatorische Wahlsendung, die seit dem 21. August von Montag bis Samstag vor der Telenovela Avenida Brasil ausgestrahlt wird, denn die emotionsgeladenen Spots erinnern mich sehr an US-amerikanische Wahlwerbung. „Die Parteien, die den Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters, den Preifeito, stellen, haben zweistellige Nummern. Fernando Haddad, der zur Partei von Dilma und Lula gehört, hat die 13, José Serra die 45, Celso Russomanno hat die 10 und Gabriel Chalita die 15. Die Nummern der Vereadores, der Stadtverordneten, sind sehr lang und haben bis zu fünf Stellen“, führte ich aus.
Dass in São Paulo in etwas über einer Woche gewählt wird, könnte dem Newcomer leicht entgehen, denn Fahnen, Plakate oder andere sichtbare Vehikel der Wahlwerbung sind hier nahezu nicht zu sehen. Ganz anders in Alagoas. „Schau mal dort, ein Karnevalsumzug“, zeigte mein Mann in die Ferne. Auf einem umgebauten Truck, der sehr an die eindrucksvollen Wagen, die wir zu Karneval im Sambódromo, dem Sambadrom, in São Paulo gesehen hatten, erinnerte, tanzten fahnenschwenkende Menschen ausgelassen zu eingängiger Musik. Begleitetet wurde das abenteuerlich anmutende Fahrzeug von jubelnden Fußgängern, hupenden Autos und Motorrädern. Ganz wie zu Karneval, nur dass hier für Henrique Madeira, die Nummer 55, den Bürgermeisterkandidaten von Maragogi geworben wurde. „Jeden Samstag und Sonntag finden Paraden für die einzelnen Kandidaten statt, die hier an der Pousada vorbeiziehen“, erklärte Sandrijn van Hoof, ein Holländer, der zusammen mit Fernanda Duarte, seiner aus Minas Gerais stammenden Ehefrau, die Praiagogi Boutique Pousada betreibt, die für die kommenden zehn Tag unsere Oase der Ruhe sein sollte, bei unserer Ankunft. „Auch während der Woche fahren die Wahlwerbe-Autos, wenn auch mit weniger Spektakel, auf dem Weg in den Nachbarort São Bento hier vorbei“, berichtete er weiter. Das kann ja heiter werden, dachte ich bei mir und haderte mit meiner Wahl. Im Internet hatte die Pousada so idyllisch gewirkt und nun lag ihre Rückseite vielleicht 50 Meter von der Straße entfernt, wenn auch abgeschottet durch tropische Vegetation.
Ich machte meinem Herzen Luft, als ich meine Mutter und meine Freundin, wie vereinbart, über unsere Ankunft informierte, während mein Mann bereits im Paradies angekommen war.
Spätestens zum Abendessen kam auch ich dort an, denn die hochgerühmte Küche entsprach den Berichten, die ich im Internet gelesen hatte, wenn sie diese nicht noch übertraf. Unsere charmanten, weltgewandten Gastgeber, die ihr Handwerk in Holland erlernt und sich dort ineinander verliebt hatten, eroberten mein Herz im Sturm. Und als wir nach dem exzellenten Abendessen auf einer der ausgesprochen bequemen breiten Liegen unmittelbar auf das tosende Meer blickten und die warme Nacht genossen, war alles Hadern vergessen.
Wahrhaft paradiesisch war auch das Frühstück. Gefragt, welcher Saft für uns zubereitet werden sollte, wählten wir jeden Tag die Überraschung und erlebten so unbekannte Genüsse. Von Graviola über Cajá und Caju bis zu Umbu-cajá reichte das Spektrum, das uns Magna, die rechte Hand der Inhaber, nicht ohne Stolz präsentierte. Gern legte sie auch schon einmal selbst Hand an und schlug Kokosnüsse von den reich behangenen Kokospalmen der Pousada. „Früchte aller Art habe ich schon als Kind gern gesammelt oder mit einer der Machete abgeschlagen“, erklärte sie mit strahlenden Augen.
Nachdem in der von Arbeit bestimmten Megacity hinsichtlich des Zeitbegriffs eine gewisse Lässigkeit herrscht, die uns anfangs durchaus zu schaffen gemacht hatte, erlebten wir in Alagoas, das von holländischen und portugiesischen Einwanderern geprägt wurde, eine für uns Paulistanos ungewohnte Pünktlichkeit. Um 12.38 Uhr sollten wir am Flughafen abgeholt werden, der Fahrer war pünktlich vor Ort. Zu unserer ersten Tour sollten wir um 09.30 Uhr aufbrechen, unsere Abholung war bereits um 09.20 Uhr da. Selbst diese erste Tour, die wir in einer größeren Gruppe unternahmen, ging um Schag 10.00 Uhr los. Alle, einfach alle, waren stets überpünktlich. Da könnte sich so mancher Paulistano eine Scheibe abschneiden.
Wir schwammen in badewannenwarmen, kristallklarem, leicht türkisfarbenem Wasser, schlenderten an kilometerlangen, verlassenen Sandstränden entlang und erkundeten Dörfer, die ursprünglicher nicht hätten sein können, erlebten zurückhaltende, warmherzige Menschen. Besonders fasziniert waren wir von Rafaela, der Cozinheira unserer Pousada, die in effizienter Anmut in der offenen Küche die wohlschmeckendsten Genüsse kreierte. Robson, unser Garçon, entwickelte sich zur wohl größten Überraschung. Anfangs extrem umständlich und im Umgang mit uns Alemaos völlig verunsichert, entspannte sich der junge Mann von einem zum anderen Tag sichtlich. „Er muss verliebt sein“, kam mir in den Sinn. „Anders kann man sich diese plötzliche Veränderung auch nicht erklären“, sinnierte mein Mann. „Oder er hat kurz vor unserer Ankunft angefangen und bekommt langsam etwas Routine“, sagte er dann. Am zehnten, unserem letzten Abend übertraf sich der schüchterne Robson geradezu, als er, der Gastgeber des Abends, sich persönlich und verbindlich von uns verabschiedete.
Wir spürten auch die Leidenschaft der Alagoanos, denn auf dem Markt von Maragogi, knapp über zwei Kilometer von unserer Pousada entfernt, wurden von Früchten und Fischen, die wir nie zuvor gesehen hatten, bis zu lebenden Hühnern engagiert allerlei Waren angeboten. Übertönt wurden die Händler von Henrique Madeira, der Nummer 55, denn junge Männer fuhren auf mit überdimensionalen Lautsprechern ausgestatteten Fahrrädern, um Verkäufer und Kaufende über den besten Bürgermeisterkandidaten zu informieren. Zwischendrin etwa hüfthohe selbstgebaute ebenfalls mit Boxen versehene Spielzeugtrucks, die in gleicher Mission unterwegs waren. Henrique Madeira begleitete uns bis zur Grenze Pernambucos, ja eigentlich bis nach São Paulo, denn noch heute singen wir die eingängige Melodie des Wahlkämpfers, die für uns immer auch die Melodie von Alagoas bleiben wird.

Freitag, 7. September 2012

Barra do Una oder eine Meisterköchin kann überall kochen

„Möchtet Ihr uns am Wochenende zum Grillen am Strand begleiten?“, fragte die Meisterköchin freudig, die, wie sich herausstellte, nicht etwa an die Sonnenexposition unserer winterblassen teutonischen Körper, sondern vielmehr an die gemeinschaftliche Zubereitung köstlichen Grillguts an einem nahegelegenen Strand dachte.
Das klang nach Abenteuer. Ich würde mit meinem Mann über diese außergewöhnliche Einladung sprechen und mich dann wieder melden, erklärte ich.
„Ein guter Plan“, sagte der begeistert, „lass uns das machen. Biete doch den beiden an, dass ich das Fahren übernehme, denn darüber hinaus können wir aufgrund fehlender Ausstattung nicht wirklich etwas beitragen“, erklärte er weiter. Gesagt, getan. Ich verabredete mit der Meisterköchin, dass wir sie und ihren Mann am darauffolgenden Samstag um 8.00 Uhr abholen würden. Um diese Zeit sollten wir, ohne größerem Verkehrschaos ausgeliefert zu sein, problemlos zur Litoral Norte gelangen.
Wir waren im vergangenen November schon einmal in Barra do Una, an dieser bezaubernden Küste, gewesen, unglücklicherweise um einen Feiertag herum, was wir insbesondere am Rückreisetag, dem Tag der Proclamação da República, dem Ausrufen der Republik, sehr bereuten, denn die Orte an der Küstenstraße BR 101 sind für die Paulistanos das Naherholungsgebiet Nr. 1. Nun würden wir eine Woche vor dem Dia da Independência Brasil, dem Unabhängigkeitstag Brasiliens, fahren und zwar zeitig am Morgen.
Wir sollten in die Tiefgarage fahren, hatte die Meisterköchin vorgeschlagen, damit wir alles problemlos einladen könnten. Ein kluge Idee, denn allein das Volumen der zu befördernde Ausrüstung war beachtlich. Zwei große Klappstühle, zwei in Schultertaschen verstaute Campingstühle, einen großen Sonnenschirm, der, wie wir erfuhren, auch als Regenschirm gute Dienste leistet, einen Tisch, einen raffiniert verpackten Grill, eine prall gefüllte Faltbox, eine zweite Strand- und eine Kühltasche galt es, in unserem Auto unterzubringen. Wären die in den Kofferraum ragenden Lautsprecher nicht gewesen, hätte der erste Beladungsversuch glücken können. Doch genau die knapp zehn Zentimeter, die die Boxen beanspruchten, fehlten uns. Eine neue Strategie, mit der Kühltruhe in der Mitte der Rückbank, führte schließlich zum Erfolg. Nun könnte es losgehen.
Mein Mann drehte den Zündschlüssel. Nichts geschah. Er probierte es erneut. Wieder nichts. Das darf nicht wahr sein, dachte ich in diesem Moment. Nun sitzen wir in diesem gerade mühlevoll gepackten Auto und es sieht ganz danach aus, als wäre das Abenteuer vorbei, noch bevor es wirklich begonnen hat.
Kurzerhand öffnete der Mann der Meisterköchin sein eigenes Auto, fuhr vor und verband das Starthilfekabel mit unserer Batterie. Wenn sich unser Auto starten ließe, wäre die Batterie durch die längere Strecke wieder aufgeladen. Sekunden später surrte der Motor wieder gleichmäßig. Das hätte auch anders ausgehen können.
Nach rund zwei Stunden hatten wir unser Ziel erreicht, zugegeben nicht ganz ohne Probleme, denn das Navigationssystem bescherte ob des von mir falsch erinnerten Ortsnamens Barra da Una keinen Treffer. Ich schlug vor, Bertioga einzugeben. Von dort aus würde ich den Weg finden.
Bertioga lag inzwischen hinter uns, ohne dass wir ein Hinweisschild für Barra do Una gesehen hatten. Mein Mann wurde unruhig. Ob es dort am Strand ein WC gäbe, wollten die Mitreisenden wissen. Soweit ich mich erinnerte, gäbe es eines, erklärte ich, woraufhin mein Mann Zweifel anmeldete. Wenn ich bezüglich der Existenz des WCs so sicher sei wie mit der Einschätzung, dass unser Ort sofort hinter Bertigo läge, dann stünde einiges zu befürchten. Kaum waren diese Worte ausgesprochen, tauchte am rechten Straßenrand das Hinweisschild für Barra do Una auf. Noch 19 Kilometer. Da muss ein WC-Häuschen gewesen sein, dachte ich bei mir.
Innerhalb des Ortes dirigierte ich meinen Mann souverän an unser Ziel. Wie die anwesenden Herren vermuteten – und sich später herausstellten sollte – hätte es einen direkteren Weg gegeben, doch ich entschied mich für die bekannte Route. Sicher ist sicher.
Wir parkten an der Kirche und liefen in Richtung Strand. Dreißig Meter müssten wir zurücklegen, hatte ich geschätzt. Während wir unseren Erkundungsspaziergang unternahmen, wurde mir allerdings sofort klar, dass ich mich wohl etwas verschätzt hatte. Richtig gelegen hatte ich aber in der Beschreibung des malerischen, in einer Bucht gelegenen Strandes.
Die Mitreisenden nahmen es sportlich, auch, dass sich das WC nicht unmittelbar am Strand, sondern in einem Kolonialwarengeschäft an der Kirche befand. Nun müsse die Ausrüstung etwas weiter getragen werden und so weit sei das WC nun auch nicht entfernt.
Kaum waren Tisch, Stühle und Sonnenschirm aufgebaut, wurde die vorbereitete Vorspeise serviert: Zwei Sorten Nachos mit Guacamole und Hummus. Die Getränke dazu wurden in silbernen Bechern gereicht.
Das Hauptgericht und dessen Zubereitung präsentierten sich als echtes Erlebnis. Nachdem der kleine Gasgrill in Betrieb genommen war, wurde die Wokpfanne positioniert. Als das Olivenöl erhitzt war, wurden Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer, zerkleinerte Chilischoten und Curry hinzugegeben. Darauf folgten Möhren, Kohlstreifen, Zucchini und Erbsenschoten. Ganz gegen ihre Gewohnheit hatte die Meisterköchin das Fleisch, mariniertes kleingeschnittenes Pernil (Schweinkeule), das anschließend in den Wok gegeben wurde, fertig zubereitet auf dem Markt erstanden. Vor dem Würzen mit Salz, einer zweiten Prise Curry und Sojasauce, kamen nun Sojasprossen hinzu. Fertig. Wir verspeisten das asiatische Gericht auf Porzellantellern, stilecht mit reich verzierten Stäbchen.
Die Meisterköchin hatte wirklich an alles gedacht. Nach dem Essen wurde die original römische Espressomaschine Maschine in Betrieb genommen. Italienischer Espresso und amerikanische Cookies rundeten das kulinarische Erlebnis vor atemberaubender Kulisse ab.

Freitag, 31. August 2012

Sprachwunder mit heißen Kartoffeln im Mund

Noch fünf Stunden zuvor hatte ich nicht gewusst, dass ich um 18.00 Uhr an Gate 6 des Aeroporto de Congonhas sein würde, um nach Rio de Janeiro zu fliegen. Glücklich und voller Vorfreude auf ein verlängertes Wochenende an der Copacabana hatte ich gerade zwischen ernst dreinschauenden Geschäftsreisenden Platz genommen, als eine Gate-Änderung für meinen Flug durch den Lautsprecher dröhnte.
Wenige Meter nur trennten die Gates 6 und 4 und doch lagen Galaxien zwischen beiden Flugsteigen. Während an Gate 6 modische Tristesse und völlige Sprachlosigkeit geherrscht hatte, tauschten sich an Gate 4 stylische Geschäftsleute animiert über ihren Tag in São Paulo aus. Allenthalben waren die für die Bewohner Rio de Janeiros so typischen „sch“-Laute zu vernehmen.
Während ein Paulistano beispielsweise sein Wohlgefallen schriftlich wie mündlich schlicht mit den Worten “gosto mais” bekunden würde, sagt der Carioca gedehnt und eher getragen “goschto maisch”, für die Ohren meines Mannes ganz so, als habe der Sprechende eine heiße Kartoffel im Mund.
Sie ist mir vertraut, diese ganz eigene Sprachfärbung, durch den TV-Sender Rede Globo, dessen Hauptnachrichten und durch die “novela das nove”, die Telenovela um 21.00 Uhr, die mir zum Spracherwerb dienen. Ich lauschte dem regen Austausch der Fluggäste und ließ mich akustisch noch vor Reiseantritt an mein Ziel entführen.
Nicht nur ich schien mich auf die Stadt am Zuckerhut zu freuen. Als könnten sie es kaum erwarten, die Megacity endlich hinter sich zu lassen, durchwühlten mondäne Damen ihre Edelhandtaschen in Weekender-Größe nach Bordkarten und Reisedokumenten, als das Bodenpersonal gerade damit begonnen hatte, die Regeln zum Einstiegsprocedere bekanntzugeben.
In Rio de Janeiro angekommen, hieß es, keine Zeit zu verlieren, denn ich sollte meinen Mann zu einem Abendessen begleiten. Ich sprintete also, ganz nach den Anweisungen Sr. Rafaels, zum offiziellen Taxistand des Flughafens Santos Dumont.
Anscheinend hatte nicht nur ich den Rat erhalten, ausschließlich diese Taxis zu wählen. Gefühlte einhundert Meter lang war die Schlange, ganz zum Leidwesen meines Mannes, der mich telefonisch daran erinnerte, dass es sich um ein Abendessen mit (pünktlichen) Deutschen handele. Entsprechend dynamisch informierte ich den Taxifahrer über mein Ziel.
Offensichtlich hatte ich einen sprachlichen Punktsieg gelandet, denn sogleich begann der Taxifahrer ein Fachgespräch über die beste Route und den bevorstehenden Halbmarathon, was ihn glücklicherweise nicht davon abhielt, seine Rennfahrerqualitäten unter Beweis zu stellen. Ich hatte wirklich einen großartigen Taxifahrer erwischt und notierte mental, dass ich Sr. Rafael, meinen Taxifahrer in der Megacity, unbedingt berichten müsste, dass wirklich nicht alle Taxifahrer in Rio Halsabschneider seien.
Auch dass die Carioca brandgefährlich sind, kann ich nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil. Noch im Kongresshotel meines Mannes kam ich zufällig mit einer Stadtführerin ins Gespräch, die, auf die Frage, ob sie meinem Mann und mir am kommenden Tag Santa Tereza und die Innenstadt zeigen könnte, bedauernd erklärte, dass sie bereits gebucht sei. Obwohl ihre aktuellen Kunden neben ihr auf ihre Tagesführung warteten, rief die engagierte Frau bei einer befreundeten Stadtführerin an, reichte den Hörer und wartete geduldig, bis alle Vereinbarungen getroffen waren.
An diesem ersten Tag würde ich die Strände von Copacabana und Ipanema entlang schlendern, denn statt des Häusermeers São Paulos lag nun der Atlantik vor der Haustür. Während ich verzückt in die Wellen blickte, sprach mich, zum ersten Mal an diesem Tag, einer der rund 60.000 vendedores ambulantes, Straßenhändler, Rio de Janeiros an, die an mobilen Ständen oder „aus der Hand“ Waren und Dienstleistungen aller Art anbieten.
Erst wollte ich das kleine zahnlose Männchen schnell mit einem schlichten “obrigada” (danke) abbügeln. Noch dazu, da mich das Produkt – bunte Basecaps, auffällig bestickt mit dem Ort, an dem ich mich befand – nicht im Ansatz interessierte. Neugierig schaute der engagierte vendedor das Buch an, das ich gerade gelesen hatte und versuchte, darüber ins Gespräch zu kommen. In welcher Sprache ich denn lesen würde, wollte er wissen. Und, um sicherzustellen, dass ich seine Frage verstanden hatte, formulierte er sie sogleich zusätzlich souverän auf Englisch. Das sei ein deutsches Buch, erklärte ich verblüfft über den mehrsprachigen Straßenhändler, dessen Frage völlig korrekt gestellt gewesen war. Während ich noch über dessen außergewöhnlichen Sprachkenntnisse sinnierte, entgegnete er mir auf Deutsch: „Wissen Sie, dass Beckenbauer ein guter Freund von Pelé ist?“ Das wusste ich, nicht aber, dass Straßenverkäufer in Rio echte Sprachwunder sind. Der Mann parlierte weiter in fehlerfreiem Deutsch, wollte wissen, wo ich lebe. Als ich mich als Bewohnerin der Megacity zu erkennen gab, verfinsterte sich sein Gesicht: „São Paulo ist eine kalte Stadt“, erklärte er fast philosophisch und verlor damit das Interesse unserem Gespräch. „Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit in Rio.“ sagte er und verabschiedete sich. Unglaublich!
Wenig später sollte ich den zweiten Vertreter der Zunft kennen lernen, einen sympathischen Mann, der Musikinstrumente zum Verkauf anbot. Auf diesem Instrumente könne jeder musizieren, erklärte er auf Portugiesisch und legte, wie das Sprachwunder, sogleich auf Englisch nach. Als ich auf Portugiesisch antwortete, dass ich heute noch lange unterwegs sein würde und dass Instrument nicht den ganzen Tag mit mir herumtragen wollte, sagte er lösungsorientiert, dass er morgen wieder hier sein werde und verabschiedete sich höflich.
Den Folgetag verbrachten wir mit unserer Stadtführerin, einer Paulistana, wie sich anhand ihrer Aussprache schnell feststellen ließ. Die Leichtigkeit der Carioca hatte die ernsthafte und etwas ängstlich wirkende Frau, die vor Jahrzehnten von der Megacity in die Stadt am Zuckerhut gezogen war, wohl aber nicht verinnerlicht, denn sie bat uns, unsere Eheringe abzulegen. Das sei sicherer, erklärte sie, und entführte uns in das bezaubernde Santa Tereza. Klug war sie und beredt. Doch sie blieb Paulistana und ließ uns, als wir uns vor der legendären Confeitaria Colombo, einer prächtigen Konditorei, verabschiedeten und erklärten, dass wir später problemlos wieder ins Hotel fänden, nur ungern allein.
Wir hingegen schwelgten nicht nur in den süßen Genüssen der Confeitaria, sondern genossen einen weiteren Tag in Rio de Janeiro, wo “País Tropical”, das tropische Land, der Welthit von Jorge Ben, eines der bekanntesten Vertreter der Música Popular Brasileira, wirklich erfahrbar wird.

Freitag, 24. August 2012

Express nach Rio

Ich war im Taxi unterwegs zu einem Termin, als plötzlich mein Telefon klingelte. „Fahr doch bitte, wenn Du fertig bist, zu meiner Assistentin“, sagte mein Mann durch einen Geräuschteppich von klapperndem Geschirr, klirrenden Gläsern und Stimmen in unterschiedlichster Tonlage. „Sie soll einen Flug für Dich buchen, am besten heute um 19.00 Uhr, meinen Rückflug auf Sonntag umbuchen, das Hotel verlängern und Dich dort als zweiten Gast melden“, führte er, gegen die Geräuschkulisse kämpfend, freudig aus. „Es ist so schön hier“, erklärte er. „Der… Fenster… großartig…“. „Ich verstehe Dich nicht mehr“, rief ich so laut ins Telefon, dass sich der Taxifahrer irritiert umschaute. Die Leitung knackte und brach ab. Nach dem Termin würde ich ihn erneut anrufen, spätestens, wenn ich im Büro wäre.
Dort angekommen, fragte ich Cristina, seine Assistentin, sogleich, ob er in der Zwischenzeit angerufen habe. „Nein, wir haben am Vormittag zuletzt telefoniert“, berichtete sie.
„Du wirst es kaum glauben. Er möchte, dass Du für mich einen Flug nach Rio buchst, noch heute“, erklärte ich und gab die Detailplanung weiter. „Wie schön, das wird sicher toll. Ich freue mich für Euch“, sagte Cristina begeistert, während sie die Buchungsunterlagen meines Mannes heraussuchte und die Internetseiten der Fluggesellschaft öffnete.
Gegen 15.00 Uhr verabschiedete ich mich und trat den Heimweg an, denn schließlich musste ich noch packen. Eilig begann ich, unterschiedliche Stapel anzuordnen. Während ich Shorts und Shirts für meinen Mann, der nur mit Business-Outfits gereist war, zusammenstellte, klingelte das Telefon. „Ich kann den 19.00-Uhr-Flug nicht buchen“, berichtete Cristina besorgt. „Es könnte sein, dass Du erst um 20.00 Uhr fliegen kannst“, erklärte sie. „Das ist kein Weltuntergang. Schau einfach, dass Du den frühestmöglichen Flug buchst. Ich bin ohnehin noch beim Packen“, erklärte ich kurz, widmete mich meiner eigenen Kleidungswahl und begann, den Weekender zu bestücken, wohl mit etwas zu viel Optimismus, denn nachdem ungefähr die Hälfte eingepackt war, war der voll. Also packte ich alles wieder aus und füllte unsere Wochenendoutfits eilig in eine größere Reisetasche um.
Kaum war ich fertig, rief mein Mann an, was dazu führte, dass ich einmal mehr umpacken musste, denn er hatte klare Vorstellungen, welche Kleidungsstücke ich für ihn einpacken sollte.
Während ich das Gepäck in den Flur trug, rief Cristina erneut an. „Du kannst Dir nicht vorstellen, wie kompliziert die Buchung war. Ich habe den Prozess tausendmal wiederholt. Als ich selbst den Flug um 20.00 Uhr nicht buchen konnte, habe ich das Reisebüro angerufen. Unsere Ansprechpartnerin hat mir dann erklärt, dass Endkunden nicht so kurzfristig buchen können. Nur Reisebüros habe noch unmittelbar vor Reiseantritt Zugriff“, erklärte sie atemlos. Aber jetzt sei das E-Ticket da. Sie habe es mir eben, um 16.53 Uhr, geschickt. Nun hieß es, schnell das Ticket auszudrucken, Kamera und Ladegerät, für meinen Mann die wichtigsten Reiseutensilien, in der Fototasche zu verstauen und hinunterzugehen, denn der Taxifahrer, den Cristina in der Zwischenzeit bestellt hatte, würde mich um 17.00 Uhr abholen.
Warum ich denn nicht selbst angerufen hätte, fragte Senhor Rafael, der Taxifahrer, dessen enttäuschte Mine sich erst wieder aufhellte, als ich ihm glaubhaft versicherte, dass ich jede Sekunde für die Vorbereitung meines Express-Abenteuers gebraucht hätte. Ob ich schon einmal in Rio gewesen sei, wollte er wissen. Eine knappe Woche nach meiner Ankunft in Brasilien sei ich mit meinem Mann, seinem Chef und dessen Ehefrau schon einmal dort gewesen, berichtete ich.
Wie ich denn die Carioca, die Bewohner Rio de Janeiros, fände, fragte er daraufhin scheinbar beiläufig. Vorsicht Falle, ging es mir durch den Kopf, denn über die Rivalität zwischen der Megacity und der einstigen Hauptstadt, hatte ich viel gelesen und gehört.
„São Paulo erinnert mich in vielerlei Hinsicht an das dynamische New York, Rio eher an die mondäne Westküste der Vereinigten Staaten. In der Megacity arbeiteten die Menschen sehr viel, in Rio hätte man den Eindruck, dass sich alles auf den Strand fokussiert.
Ein seliges Lächeln erfüllte das Gesicht des stolzen Paulistano. Unbestritten, die Landschaft sei schön, doch São Paulo habe so viel mehr zu bieten als die Stadt am Zuckerhut, erklärte er, als mein Mann anrief, um die Adresse des Hotels durchzugeben. „Die Avenida Nossa Senhora de Copacabana ist nicht weit vom Flughafen Santos Dumont entfernt“, erklärte er nach meinem Telefonat, das er aufmerksam verfolgt hatte, kundig. Doch ich müsse mich vorsehen vor den Taxifahrern in Rio. Das seien alles Halsabschneider. Ich müsste ganz entschieden auftreten, sonst würde ich über den Tisch gezogen. “Leve me para a Avenida Nossa Senhora de Copacabana”, sollte ich sagen, und genau darauf achten, ob der Taxameter angeschaltet sei, erklärte der Mann mit Beschützerinstinkt. Sollte dies nicht der Fall sein, müsste ich darauf bestehen: “Ligue o taxímetro”. Beide Sätze ließ mich der besorgte Paulistano mehrfach wiederholen, in Sorge, dass ich als Touristin entlarvt werden und skrupellosen Cariocas zum Opfer fallen könnte.
Am Aeroporto de Congonhas, dem innerstädtischen Flughafen der Megacity, angekommen, schloss mich Sr. Rafael fest in seine Arme. Ich solle gut auf mich aufpassen und wohlbehalten zurückkommen! Ob die Cariocas tatsächlich so brandgefährlich waren, bleibt zu berichten.

Freitag, 17. August 2012

Wie alles begann

„Komm, wir stellen uns an den Stehtisch dort drüben“, sagte ich zu meinem Mann, kurz nachdem wir das Foyer des Club Transatlântico betreten hatten.
In seiner Funktion als Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sollte Dr. Peter Ramsauer als Gast der AHK (Câmara Brasil-Alemanha de São Paulo) dort über deutsches Know-how für künftige Infrastrukturprojekte in Brasilien sprechen.
Dieser Mittagsvortrag war, etwas über vier Wochen nach meiner Ankunft, unser erster gemeinsamer offizieller Termin in der Megacity und wir waren beide mehr als gespannt, was uns erwarten würde.
Mein Mann war über die AHK-Unternehmensmitgliedschaft eingeladen und ich hatte mich, nachdem ich die AHK etwa zehn Tage zuvor erstmals besucht hatte, um mich beruflich zu orientieren, über die Pressestelle der Kammer akkreditieren lassen.
Auf dem Stehtisch legte ich die Pressemappe ab und lies meinen Blick durch das Foyer streifen, das sich langsam füllt. „Kennst Du irgendjemanden?“, fragte ich meinen Mann, der ebenfalls die Anwesenden studierte. „Nein“, antwortete der. „Es könnte sein, dass unser Berater hier ist, doch bislang habe ich ihn noch nicht gesehen“, erklärte er weiter. Komisch, wirklich komisch, keinen Menschen zu kennen, dachte ich, denn in Berlin kannte ich immer irgendjemanden, ob unter den Gästen oder den Medienvertretern.
Plötzlich, wie im Sciencefiction-Film, materialisierte sich ein großgewachsener Mann vor uns, der meinem Mann freundschaftlich und ohne Vorwarnung die Schulter klopfte. „Neulinge! Das sehe ich sofort. Wer sind Sie denn?“, fragte der Hüne, der sich als Sönke Böge vorstellte, neugierig. Nach Sekunden der Sprachlosigkeit erklärten wir uns dem engagierten Netzwerker, der wenig später so unvermittelt entschwand, wie er erschienen war. „Was für eine Begegnung“, sinnierte ich, doch bevor wir uns darüber austauschen konnten, erspähte mein Mann den Berater seines Unternehmens, der sich unserem Stehtisch näherte. Ob wir bereits ein Apartment oder ein Haus gefunden hätten, wollte der charmante Berater wissen und was ich für Pläne hier in unserer neuen Heimat hätte.
Während wir parlierten, kehrte der Netzwerker plötzlich zurück. An seiner Seite ein zurückhaltender, sympathischer Mann. „Das ist Klaus Dormien“, erklärte der Netzwerker, „er ist Geschäftsführer der Brasil-Post, der deutschen Wochenzeitung hier. Für den müssen Sie schreiben“, sagte er energisch. „Klaus, das ist die Journalistin, die ich eben kennen gelernt habe“, erklärte er dem verdutzt dreinblickenden Zeitungsmann.
Während sich der Netzwerker dem Berater, den er erwartungsgemäß auch kannte, und meinem Mann zuwandte, zückte der Brasil-Post-Geschäftsführer seine Visitenkarte. „Herr Böge ist ein treuer Freund unserer Zeitung. Die Journalistin und der Zeitungsmann: Die musste er einfach zusammenbringen. Natürlich müssen nicht Sie für die Brasil-Post schreiben, auch wenn mich dies sehr freuen würde“, erklärte er mit beruhigendem Unterton.
Bevor wir das Thema vertiefen konnten, wurden die Türen des Veranstaltungssaals geöffnet. Während die Menschen hineinströmten, bot sich Klaus Dormien an, mich zu begleiten. Das träfe sich gut, denn ich sei akkreditiert und würde an einem Pressetisch sitzen. „Sie können sich auch zu ihrem Mann setzen“, erklärte der Routinier, „die Regeln sind hier nicht so streng“, führte er aus. Doch ich zog den Pressebereich vor, schon um das Gespräch zu vertiefen.
Es war ein gutes Gespräch gewesen, mit vielen Hintergrundinformationen zur deutschen Community in der Megacity, ja im ganzen Land, an das ich aufgrund der fieberhaften Suche nach einem Apartment erst Ende April anknüpfen konnte.
Wieder war eine Einladung eingetroffen. Noch nicht wirklich über die hiesigen Gepflogenheiten orientiert, entschloss ich mich, den Zeitungsmann zu kontaktieren, immerhin schien er exzellent im Bilde zu sein. „Ich hätte einige Fragen an einen ‚alten Hasen‘, der die Gepflogenheiten hier in São Paulo kennt“, schrieb ich und bat ihn, mich bei Gelegenheit, einmal anzurufen, was er wenig später auch tat. Einfach toll, dass er sich so viel Zeit genommen hat, um mir unsere neue Welt zu erklären, dachte ich nach dem Telefonat. Ohne seine nützlichen Hinweise wäre unser erster Fauxpas in der Megacity vorprogrammiert gewesen.
„Vielleicht kann ich wirklich einmal etwas für die Brasil-Post schreiben, nicht zuletzt, um mich erkenntlich zu zeigen“, warf ich in den Raum, als ich meinen Mann über das Telefonat und dessen Inhalte informierte. „Ich könnte die Berichte aus São Paulo, die ich ohnehin nach Deutschland schicke, etwas modifizieren und daraus eine Kolumne machen – São Paulo entdecken – Erlebnisse eine Newcomerin könnte sie heißen“, erläuterte ich. „Klingt gut, bis auf die “Newcomerin”, aber wenn Dir der Begriff gefällt“, entgegnete mein Mann.
Fünf Tage später schickte ich Klaus Dormien meine erste Kolumne, auf den Tag genau 12 Wochen nach meiner Ankunft in der Megacity, über meine Erfahrungen mit dem öffentlichen Nahverkehr.
Länger hörte ich nichts, bis am 19. Mai eine kurze Mail eintraf mit der gesetzten Zeitungsseite der Ausgabe, die am darauffolgenden Tag erscheinen würde.
Am 29. Juli erhielt ich meinen ersten Leserbrief. Nachdem ich in der Kolumne „Herr, lass es Geduld vom Himmel regnen“, auf die sich der Brief bezog, frustriert über die Unzuverlässigkeit von Handwerkern und Dienstleistern berichtet hatte, erhielt ich ein wahres Durchhalteschreiben in einer Zeit, in der ich dies sehr gut gebrauchen konnte, denn die Phase um den Einzug in unser Apartment war nicht ohne.
Ein zweiter Leserbrief traf im Oktober ein, ohne Bezug auf eine spezielle Kolumne, dafür mit einer schmeichelhaften Überschrift. „Wunderschön das alles, interessant, lustig, unterhaltsam“, schrieb eine Leserin, die feststellte, dass es „richtig interessant wird, wenn sich das Newcomer-Staunen gelegt hat“ und ich „mit der Entdeckungsreise fortfahre…weiter…tiefer…“. Recht hat sie, die Leserin, auch wenn ich schon das ein oder andere Mal um Themen ringe und mich frage, ob der Kolumnentitel nach mittlerweile 18 Monaten noch passt.
Sehr gefreut hat mich auch der erste Leserbrief eines männlichen Lesers, der im Juli 2012, als eine Ausgabe ohne die Kolumne erschienen war, deren Fehlen bemerkte.
P.S.: Danke, lieber Sönke Böge!