Freitag, 20. Januar 2012

„Helikopteropolis“: Adrenalin pur!

Sie prägen das Bild der Megacity wie die traditionellen Black Cabs das Stadtbild Londons, stehen für das südamerikanische Finanz- und Wirtschaftszentrum wie die über 13.000 Yellow Cabs für New York City und die Taxis im Farbton RAL 1015, „Hellelfenbein“, für deutsche Städte – die Helikopter, die insbesondere im Berufsverkehr zahlreich durch die Lüfte schwirren.
„Helikopteropolis“ wird sie vielfach genannt, die Hauptstadt des Helikopterverkehrs, deren Flotte von rund 500 Helikoptern nur von der News Yorks übertroffen wird. 325 Hubschrauberlandeplätze zählt die Megacity, die mehr als 400 Flüge täglich und über 70.0000 Starts- und Landungen pro Jahr verzeichnet.
Ihre Präsenz ist wesentlich der Verkehrssituation geschuldet: Seit 1970 hat sich der Kraftfahrzeugbestand im Großraum São Paulo, in dem mehr als 19 Millionen Menschen auf einer Fläche von 1.530 Quadratkilometern leben, mehr als versiebenfacht. Das Netz befestigter Straßen ist in diesem Zeitraum von 14.000 auf 17.000 Kilometer gewachsen. Staus von um die 200 Kilometern Länge sind keine Seltenheit. Das Durchschnittstempo in den Hauptverkehrszeiten am Abend hat sich in den vergangenen zehn Jahren um 32 Prozent von 25 auf nur 17 Kilometer pro Stunde verlangsamt, wie Jaime Waisman, Verkehrsexperte an der Universität São Paulo, brasilianischen Medien berichtete.
Immer mehr Unternehmer, Manager und Politiker weichen auf den Helikopter aus, nutzen die sogenannten Táxi Aéreo, die Vielfliegern bei einer Buchung eines Kontingents ab 20 Stunden maßgeschneiderte Pakete anbieten.
Doch längst sind es nicht nur Geschäftskunden, die die Megacity und deren Umgebung aus anderer Perspektive kennenlernen, am Tag und in der Nacht. Vom Helikopterflug zu einem Eco-Ressort an der Represa de Mairiporã, einem Stausee nahe der Serra da Cantareira, über das nächtliche Romantikpaket, beides mit entsprechendem Verwöhnprogramm, bis zum klassischen vôo panoramico, einem etwa 20 minütigen Helikopterflug mit Ausblick auf Highlights der Megacity, reicht das Angebot.
Ein vôo panoramico, ein Geschenk mit Erinnerungswert, zum ersten Geburtstag meines Mannes, den wir zusammen in São Paulo begehen würden – das perfekte Geschenk. Ich buchte bei Helimarte, einem angesehenen Unternehmen, seit dreizehn Jahren höchst erfolgreich, mit inzwischen 50 Mitarbeitern, sehr gespannt, was uns erwarten würde.
Wir starteten am Aeroporto de Campo de Marte in der Zona Norte, dem Flughafen mit der größten Helikopterflotte Brasiliens und mit über 123.000 Flugbewegungen an fünfter Position auf der Liste der verkehrsreichsten Flughäfen des Landes.
Wir waren aufgeregt. Die (An-)Spannung wurde größer, als wir die klitzekleinen Helis im Hangar sahen, gegen die die Cessna, die uns in unserem Bahia-Urlaub zurück nach Salvador gebracht hatte, wie ein Airbus A380 anmutete.
Wir sollten mit einem Robinson 44 Raven II 2011, der mit seinen 680 Kilogramm, einer Rumpflänge von 8,94 Metern, einer Höhe von 3,27 Metern und einer Breite von nur 2,18 Metern als leichter, einmotoriger, viersitziger Mehrzweckhubschrauber gilt.
Mein Herz stockte, als ich Vitor Hugo Santiago, unseren Piloten, sah. Er sah so unglaublich jung aus. Dass er 24 Jahre alt und Pilot seit seinem 19. Lebensjahr ist, erfuhr ich viel später.
Großherzig bot mir mein Mann an, vorn neben dem Piloten zu sitzen. Scheinbar abgeklärt, stimmte ich, auch in Anbetracht der bis zu den Füßen reichenden Verglasung, zu. Während wir die Headsets aufsetzten und auf die Startfreigabe warteten, verschwand die Aufregung. Auch während der unspektakulären Startphase, in der der Heli einfach nach oben schwebt, war ich vergleichsweise gelassen.
Dies änderte sich schlagartig, als wir nach kurzer Flugzeit den Marginal Tietê, eine mindestens achtspurige Autobahn, überflogen, und ich den Fehler beging, gerade nach unten zu sehen, während sich der Heli spürbar im Wind wiegte. Ob Turbulenzen bei transatlantischen Flügen, Achterbahn- oder Fährfahrten bei bewegter See: Das macht mir gar nichts. Im Gegenteil. Doch in unserem kleinen Spielzeug-Heli stellten sich die Dinge ganz anders dar.
Glücklicherweise bleib nicht viel Zeit zur Reflexion, denn wir erlebten Highlights im Sekundentakt: Wir sahen die prächtige Estação da Luz, die Pinacoteca do Estado, den Mercado Municipal, die mächtige Catedral da Sé, flogen am Edifício Altino Arantes (Banespão), meinem Lieblingsgebäude, vorbei und konnten das imposante Teatro Municipal von oben bewundern.
Mir verschlug es den Atem, als der Pilot vor dem Edifício Itália plötzlich in der Luft stoppte. Seelenruhig erklärte er, dass man aus dieser Perspektive den Kellnern beim Eindecken der Tische zusehen könnte und verwies, immer noch freischwebend, auf das vom berühmten brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer konzipierte Edifício Copan.
Ich entspannte, als wir das Estádio do Pacaembu überflogen und aus der Ferne den Parque do Ibirapuera und den Aeroporto de Congonhas erblickten- auch als wir das Museu do Ipiranga zum Abschluss passierten.
Als wir aber die Häuserschlucht der berühmten Avenida Paulista durchquerten, stockte mein Herz einmal mehr. Zahllose Autos, Menschen, die zur Lunch-Hour die Bürgersteige der ungeheuer breiten Straße bevölkerten, waren plötzlich ganz nah. Adrenalin pur!
Und doch würde ich es wieder wagen. Die scheinbar endlose Megacity aus anderer Perspektive zu erleben, hat sich gelohnt.

Freitag, 13. Januar 2012

New York hat es, Berlin hat es, Zürich hat es

Und jetzt hat es auch São Paulo. Ein kleinformatiges Buch mit weißem Cover. “dois por um“ heißt es in roten und schwarzen Lettern, was so viel bedeutet wie „zwei für eins“.
Mit diesem Buch könnten wir viele Vorzüge der Megacity ein Jahr lang genießen, erklärte Tereza, meine Freundin, als sie mir das Weihnachtsgeschenk für mich und meinen Mann überreichte. Sie zückte ihr Exemplar, blätterte darin und erläuterte das Prinzip: Dirk und ich könnten großartige Restaurants, Spas und andere interessante Locations erkunden, zahlten nur für einen, bekämen einen Drink oder ein Dessert gratis oder könnten von den jeweiligen Angeboten profitieren. Da sie das Buch auch für sich und ihren Mann erstanden habe, könnten wir “dois por um“ auch auf unseren sonntäglichen Ausflügen zu viert einsetzen und hätte gleichsam doppelt gespart.
Kaum irgendwo ist das Rabattprinzip verbreiteter als in den USA. Im Herkunftsland der Coupons waren im Jahr 2009 nach Angaben des renommierten Forschungsinstituts IMAR (Network of Independent Marketing Consultants) 367 Milliarden Coupons im Umlauf.
New York bietet Coupons für alle Lebensbereiche. Von der Übernachtung im Doppelzimmer zum Einzelzimmerpreis, über Rabatte für Sightseeing, Sportevents und Broadwayshow gar bis hin zur Rabattierung aufwändiger zahnmedizinischer Behandlungen.
In Berlin ist es eine Plastikkarte im gängigen Format, die “get2Card“, die seit dem Fall des Rabattgesetzes in Deutschland vor rund zehn Jahren Menschen Vergnügen im Doppelpack zum Preis für einen anbietet.
Aus der Schweiz, seiner Heimat, kannte der Grafikdesigner und Artdirector Christoph Grimm ein, wie er sagt, biederes Rabatt-Buch, dessen Prinzip ihn und Roland Wittwer, einen befreundeten Grafikdesigner und Entdecker des Buchs, überzeugte, nicht aber dessen Aufmachung. 2008 machten sich die beiden Kreativen also ans Werk und verpackten ähnliche Angebote in zeitgemäß stylischem Design.
Nach einem knappen Jahr Vorbereitung war „zwei für eins“ aus der Taufe gehoben. Der Erfolg der ambitionierten Publikation, die aktuell in der Schweiz in vierter Auflage erschienen ist, motivierte den 45 Jährigen, der seit inzwischen 15 Jahren in São Paulo lebt, aus „zwei für eins“ “dois por um“ zu machen. Zusammen mit Ehefrau Rita, einer brasilianischen Food-Journalistin und Architektin, brachte er das Buch, das die Megacity in 115 Highlights aus den unterschiedlichsten Bereichen präsentiert, nach gerade einmal fünf Monaten Vorarbeit auf den Markt.
Das Vorhaben habe bei den Unternehmen sofort großen Anklang gefunden. „Als Projekt aus der Schweiz bekamen wir Kredit für die Glaubwürdigkeit“, mutmaßt Grimm. Mutig hatten die beiden Herausgeber auch angesichts der jüngst veröffentlichen Zahlen zur Internetnutzung – 46,3 Millionen Brasilianer nutzten das Internet im Jahr 2010 aktiv – am Medium Buch festgehalten und sich nicht von höchst erfolgreichen Rabattanbietern wie Groupon von ihrem Vorhaben abbringen lassen. „Klar war es ein Risiko, in einem so internetaffinen Land auf Print zu setzen. Das Buch ist Retro. Wir verstehen es als Provokation“. Die an Lifestyle interessierte Zielgruppe, Kreative und Studenten goutieren dies. Wie auch die Unternehmen, deren Präsentation kostenfrei ist. „Viele Restaurants, die sich für einen Eintrag in `dois por um´ entscheiden, möchten nicht in Portalen wie Groupon erscheinen. Sie schätzen die Exklusivität, die unser Projekt repräsentiert“, erklärt Grimm weiter, dem es nicht um Auflage geht, denn mehr als 10.000 Exemplare der Publikation, die Ende Oktober 2011 in einer Startauflage von 5.000 erscheinen ist, sind nicht geplant. Auch solle das Buch an Umfang eher abnehmen, dafür aber noch exklusiver werden. „Zukünftig wollen wir weniger und noch bessere Angebote bringen“, berichten die Herausgeber.
Mit dem bereits auf dem Cover proklamierten Konzept “AME SUA CIDADE“, „liebe Deine Stadt“, das sich mit Fotos von Menschen, die Sehenswürdigkeiten der Stadt umarmen und Kunstwerken, die São Paulo aus unterschiedlichsten Perspektiven zeigen, durch das gesamte Buch zieht, scheinen die Grimms, der Schweizer und die Brasilianerin, die arbeitssamen Paulista, die sich der besonderen Schönheit ihrer Stadt so wenig bewusst sind, aufrütteln zu wollen.
Aufgerüttelt hat dieses längst fällige Konzept São Paulo Turismo, den Tourismusverband, der sich sogleich auf eigene Initiative einbrachte. Auch die Prefeitura, die Stadtverwaltung, als oberster Dienstherr des eher schwerfälligen São Paulo Turismo, ist als Apoio, als Unterstützer, vertreten.
Mit ihrem Slogan “Nova York tem, Berlim tem, Zurique tem, agora São Paulo tem” haben die Macher von “dois por um“ die Verantwortlichen der Stadt bei ihrer Ehre gepackt.
Mit dem Konzept “AME SUA CIDADE“ laden die beiden São Paulo-Liebhaber Menschen, die in der Stadt leben, ein, diese zu entdecken und mit neuen Auge zu sehen. Der 25. Januar, der 458. Geburtstag der Megacity, bietet einen guten Anlass dazu.
P.S.: “dois por um“ ist unter anderem in den Filialen der Livraria da Vila (R$ 80) erhältlich oder kann auf der Internetseite www.doisporum.net (R$ 75) bestellt werden.

Freitag, 6. Januar 2012

Réveillon em São Paulo

Es regnete in Strömen, seit Stunden, so wie es nur in subtropischem Klima regnen kann. Die Morumbi Brücke war hinter einer Wand aus Regen verschwunden, es war, als existiere Brooklin Novo nicht mehr. Die Megacity wirkte wie eine Geisterstadt, nicht zuletzt, da wohl tatsächlich viele Paulista die sonst so geschäftige Stadt zum Jahreswechsel verlassen hatten.
Tapfer entschied sich mein Mann, dem Regen zu trotzen und in dieser unwirklichen Atmosphäre zum Bankautomaten aufzubrechen, denn die Taxifahrt zur Terraço Itália, dem Ort, an dem wir unser erstes Silvester in unserer neuen Stadt verbringen wollten, ließe sich aller Wahrscheinlichkeit nach besser bar bezahlen.
Während ich noch überlegte, wie ich trockenen Fußes das Taxi besteigen könnte, kehrte mein Mann, im wahrsten Sinne des Wortes, aufgelöst zurück. An keinem Ponto hätte er auch nur ein Taxi gesehen. Dafür aber umso mehr Taxis, die Partygänger an ihren Häusern abholten. Ich hätte mich nachmittags, beim Versuch, ein Taxi an unserem Ponto zu bestellen, zu leicht abspeisen lassen. Jetzt würden wir bestimmt kein Taxi bekommen. Ich verzichtete also darauf, erneut bei unserem Ponto anzurufen und entschied mich gleich für einen Anruf bei Ligue Taxi, dem Funktaxidienst der Stadt. Nachdem ich die unzähligen Fragen der Disponentin erfolgreich beantwortet hatte, erklärte ich meinem Mann siegessicher, dass alles geregelt sei. „Das werden wir noch sehen“, entgegnete er skeptisch.
Nach ungefähr zehn Minuten klingelte mein Mobiltelefon. Das würde die telefonische Bestätigung sein, da war ich sicher. Doch nein, die Disponentin sprach hektisch auf mich ein. Ich verstand nicht alles, nur so viel, dass wir warten (“esperar“) müssten.
In Anbetracht der Uhrzeit, es war deutlich nach 21.00 Uhr, wollte ich auf Nummer sicher gehen und bat Tereza, meine Freundin in allen Lebenslagen, bei Ligue Taxi anzurufen, um den aktuellen Stand der Dinge zu eruieren. Während sie auf einer anderen Leitung mit der Disponentin sprach, ging bei mir ein weiterer Anruf ein, den ich sogleich annahm. “Vinte minutos”, zwanzig Minuten, müssten wir uns noch gedulden, erklärte eine freundliche, weniger hektische Dame. Das bestätigte auch Tereza, die nach getaner Arbeit zu ihrem eigenen “festa de réveillon“ aufbrach. Inzwischen hatte ich auch die Portaria, die Pforte, darüber informiert, dass wir ein Taxi erwarteten und gebeten, dessen Ankunft anzukündigen. „Das Taxi kommt ohnehin nicht. Du musst nicht alle Leute verrückt machen“, erklärte mein Mann missmutig. Wenige Minuten später klingelte schließlich das Haustelefon. Das Taxi sei eingetroffen, berichtete der engagierte Porteiro.
Wir fuhren durch den peitschenden Regen, durchquerten tiefe Pfützen, sahen die wenigen Menschen, die in der Geisterstadt unterwegs waren, dem heftigen Niederschlag entfliehend, hektisch in Autos einsteigen, bis wir plötzlich in einer Autoschlange standen. Vor uns Männer mit überdimensionierten Schirmen, die mehr an Sonnen- als denn an Regenschirme erinnerten. Wir waren angekommen am Edifício Itália, dem vom in Deutschland geborenen Architekten Franz Heep erbauten 168 Meter hohen Wolkenkratzer, dessen Eingangsbereich den Charme eines in die Jahre gekommenen Bürogebäudes versprühte. Einzig das ausgesprochen elegant gekleidete Paar, mit dem wir einen Fahrstuhl teilten, ließ die Exklusivität der Location vorausahnen. Und tatsächlich: Die Terraço Itália ist beeindruckend, nicht zuletzt durch ihren Retro-Charme. Wir genossen das exzellente Büffet, die ausgesprochen heitere, leichte Atmosphäre. Wir konnten uns nicht sattsehen an den vielen interessanten Menschen – waren fasziniert vom in die Jahre gekommenen Hippie mit langem weißen Zopf, bekleidet mit einem weißen, in sich gestreiften Anzug und spitzen weißen Schuhen, den Damen der Gesellschaft in ihren goldenen und silbernen Paillettenkleidern, den lässigen jungen Männern in Jeans und Polohemd, dem in eine Art pastellfarbenes Bonbonpapier gehüllten jungen Mädchen und einer Frau, die mindestens 1,80 Meter groß war, die Statur einer Schwimmerin oder Kugelstoßerin hatte und in weißen Leggins und einer mehr als knapp sitzenden Korsage, die ihre üppigen Rundungen betonte, ausgelassen zu den wechselnden Bands tanzte. Wahrhaft brasilianisch und eben nicht verkrampft und körperlos deutsch.
Brasilianisch waren auch meine Begegnungen auf der Sonnenterrasse, die auch bei Regen einen Besuch lohnt. Schnell kam ich mit einem Ehepaar, durch die Vereinsfarbe grün als Palmeiras-Fans (einer der Fußballclubs der Stadt) und Hoffende erkennbar, ins Gespräch. Aus dem Interior, dem Landesinneren, stammten sie, seine Mutter sei Deutsche, mit Namen Dietrich, und er liebe Borussia Dortmund.
Eine elegante Dame in weißer langer Robe gesellte sich mit ihrem höchst charmanten italienischen Ehemann hinzu und schaltete sich sofort in das lebhafte Gespräch ein. Dies tat auch eine weitere Frau, die, gegen alle “tradições de Réveillon”, schwarz-rot gekleidet war und aus Deutschland stammte. Jörg, ihr Freund, arbeite seit drei Wochen in São Paulo, sie selbst habe hier zwei Wochen mit ihm verbracht und müsse bald zurück. Einhellig beschlossen wir, unsere Männer hinzuzuholen, die wir in den Festsälen zurückgelassen hatten, denn die sollten sich kennen lernen. „Die deutschen Zwillinge“, stellten die Sonnenterrassengäste fest, denn beide Männer trugen dasselbe weiße Hemd mit auffällig blauem Logo.
Lautmalerisch setzte Jörg die Sonnenterrasse über seine Pläne für die kommenden elf Monate, die er hier verbringen wird, in Kenntnis. Wie schön, einen angstfreien Menschen zu erleben, der seine sprachlichen Lücken, ebenso wie ich, auf diese Weise kompensiert.
Es war ein amüsanter Abend, in dessen Rahmen wir mit einem weiteren Ehepaar ins Gespräch kamen: Als Amerikaner wurden sie uns vorgestellt, als Brasilianer entpuppten sie sich – er mit belgischen Vorfahren und beide mit vielen Jahren Lebenserfahrung in Orlando, Florida. Das ist São Paulo, eine internationale Stadt, die glücklicherweise sehr brasilianisch ist und hoffentlich bleibt.

Montag, 2. Januar 2012

Vorbereitungen für ein neues Jahr

Silvester oder Réveillon, wie es in Brasilien heißt, wollten wir in São Paulo, unserer neuen Stadt, verbringen. Doch wie sollten wir diesen besonderen Abend begehen? Freunde hatten berichtet, dass sie im vergangenen Jahr auf ihrem Motorboot gefeiert hatten. Sushi hätten sie genossen und schwimmen seien sie gewesen. Unvergesslich seien die Partys im Clube de Campo São Paulo, erklärte meine Sprachlehrerin. Das Gros der Paulistas verbrächte die Nacht der Nächte allerdings am Strand. Kaum wieder aus Deutschland zurückgekehrt, war die sofortige Weiterreise, vermutlich verbunden mit kilometerlangen Staus, wie wir sie bereits zu anderen Feiertagen erlebt hatten, jedoch keine Option. So schied auch Buenos Aires, mit dem ich kurzfristig geliebäugelt hatte, aus, zumal wir diesen Tag in unserem Land verbringen wollten.
Auf der Weihnachtsfeier der Brasil Post erhielten wir schließlich den entscheidenden Hinweis für unser erstes Silvester auf dem neuen Kontinent. Beeindruckend sei die Terraço Itália. Von dort aus könne man die gesamte Stadt überblicken. Die Atmosphäre sei großartig, das Essen exzellent. In jedem Fall sei dies ein besonderes Erlebnis, insbesondere für das erste Silvester.
Sollte die Terraço Itália ein Geheimtipp sein? Nachdem die Internetseite nicht über die bevorstehende Festivität informierte, blieb nur der Anruf, auf den eine E-Mail mit den wesentlichen Informationen folgte. Sitzpläne, Menüs und Hinweise zu den allgemeinen Konditionen waren enthalten, ebenso wie eine Auskunft zum Dress Code, der uns noch reichlich beschäftigen würde.
Wir entschieden uns für die Piano Bar in der 42. Etage. Von dort sollte der Ausblick unbeschreiblich sein. Sieben Tische standen noch zur Verfügung, 16 waren bereits reserviert. Tisch 93 sollte unser Tisch werden, nah an Fenster und Büffet, auf der gegenüberliegenden Seite des Saales die Band und eine Tanzfläche.
Kaum wieder in São Paulo gelandet, begannen wir mit den Vorbereitungen für unseren Abend. Nachdem ich mich in Deutschland für polierte Fingernägel im Stile des Landes entschieden hatte, galt es nun, die Fingernägel wieder nach brasilianischem Standard stylen zu lassen. Ich entschied mich für einen milchig weißen Ton mit einem Hauch zartrosa, denn weiß sei die Farbe für Réveillon.
Männer wie Frauen trügen weiße Kleidung, strahlendweiß oder naturweiß. Auch Silber und Gold seien akzeptabel, erklärte Tereza, meine wertvolle Beraterin in allen brasilianischen Angelegenheiten, die mich auch über die allgemeinen Silvesterbräuche ins Bild setzte, die wir in diesem Jahr mutig unberücksichtigt ließen. Weiß symbolisiere Frieden, Gleichgewicht und Harmonie, erfuhr ich. Silber repräsentiere Modernität und Schutz und Gold steht für Erfolg und Freude.
Für mich war die Kleidungsfrage relativ schnell entschieden, auch wenn die weihnachtlichen Genüsse dazu geführt hatten, dass die naturweiße Pracht mit Gold und silbernen Akzenten hauteng saß, in Brasilien glücklicherweise absolut en vogue.
In Anbetracht der Location hatte sich mein Mann entschieden, Smoking zu tragen. Nachdem ich ihn aufgeklärt hatte, dass diese Wahl den Gepflogenheiten des Landes entgegenstünde, sollte seine Assistentin recherchieren, ob diese landestypische Sitte auch für die Gäste der Terraço Itália gelte. „Es gibt keinen Zwang, weiß zu tragen. Doch wenn Sie Smoking tragen, werden Sie wahrscheinlich der Einzige sein. Die Mitarbeiterin sagte, dass sie auf der Party noch nie jemanden mit Smoking gesehen habe. Eine Krawatte müssen Sie auch nicht unbedingt tragen. Schauen Sie beim Google nach “Passeio completo”. Das taten wir und zusätzlich studierten wir die Schaufensterauslangen im Shopping Morumbi, die in der Männermode allerdings nicht ganz eindeutig waren. Letztlich kam auch mein Mann zu einer Entscheidung und wählte seinen silbergrauen Anzug kombiniert mit weißem Hemd, ohne Krawatte.
Blieb die Frage, wann wir uns auf den Weg machen würden. “A partir das 21h00“, ab 21.00 Uhr, hieß es im Informationsmaterial für die Piano Bar. Diese Angabe sei nicht eindeutig, erklärte mein Mann, zu meinem Erstaunen. Es könne, neben einem Hinweis auf die Öffnung der Piano Bar, auch bedeuten, dass das Büffet um diese Zeit eröffnet würde. Auch wenn mir dieser Einwand akademisch deutsch vorkam, rief ich Tereza an, um ihre Meinung zu erfragen. „Ich würde nicht vor 21.30 oder 22.00 Uhr dort sein, denn die Erste würde ich nicht sein wollen“. Dieser Hinweis überzeugte meinen Mann, der mich daraufhin bat, ein Taxi zu bestellen.
Ich rief also bereits nachmittags bei unserem Ponto, dem nächstgelegenen Taxistand an, um einen Wagen für den Abend zu reservieren. Das sei nicht üblich erklärte der Fahrer, der das Telefon beantwortete und bat mich, abends, vor Fahrtantritt, erneut anzurufen. Wie sich die Suche nach einem Taxi gestaltete und was wir an diesem Abend erlebten, wird Gegenstand der nächsten Kolumne sein.

Freitag, 9. Dezember 2011

Die ganz andere Weihnachtserfahrung

“Nesta quinta-feira, dia 27 de outubro de 2011, a cidade de São Paulo terá temperatura mínima de 15ºC e máxima de 27ºC. A probabilidade de chuva é de 5%. O sol nasce às 06h24 e se põe às 19h17. A previsão indica sol entre poucas nuvens.“
An diesem strahlenden Tag machte ich mich auf den Weg zur Ação Natalina 2011, der Weihnachtsaktion des Lar Social Girassol, eines großartigen Projekts für Kinder und Jugendliche. Während ich die Klimaanlage des Taxis genieße, erscheint mir ein Weihnachtsevent bei dieser Witterung ungefähr so naheliegend wie eine Bikinimodenschau bei Minusgraden.
Eine der Organisatorinnen dieses ersten Weihnachtsbasars der Saison hatte in ihren Garten geladen und präsentierte dort mit ihren Mitstreiterinnen allerlei Weihnachtliches. Das Highlight: Von den Kindern des Lar sorgfältig bemalte Holzweihnachtsbäume, weiß und grün, in drei Größen, mit goldenen Rändern, ausgesprochen geschmack- und sinnvoll, denn jedweder klassische Nadelbaum würde bei diesen Temperaturen keine drei Tage überleben. Ich erstand drei Weihnachtsbäume, die ich in die Weihnachtsdekoration, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten, integrieren würde.
In den kommenden Wochen folgte ein Weihnachtsbasar auf den anderen. Die Escola Suíço-Brasileira de São Paulo, die Schweizerschule São Paulo, zog unmittelbar nach. Kurz darauf wurde zum Bazar Français eingeladen, der mit allerlei Kunsthandwerk und „spécialités bien françaises“ warb. Am ersten Advent veranstaltete die Igreja da Paz, die evangelisch-lutherische Friedenskirche ihren traditionsreichen Basar, gefolgt von der Sociedade Filarmónica Lyra und dem Colégio Humboldt, der deutschen Schule, und vielen anderen.
Die Weihnachtsbasare seien fest in die Terminkalender der deutschsprachigen Community integriert, erfuhr ich, ebenso wie das legendäre Weihnachtskonzert des Clube Transatlântico, das traditionell am zweiten Advent stattfindet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte sich Weihnachtsstimmung eingestellt haben.
Um diese zu verbreiten, treiben auch die Paulistanos allerlei Aufwand. Die Shoppingcenter sind üppig dekoriert und lassen Erinnerungen an die USA wachwerden, denn hier wie dort steht all überall Santa Claus mit seinen eifrigen Gehilfen zum Fototermin bereit.
In der vergangenen Woche standen nun Weihnachtseinkäufe auf dem Programm – bei 26 Grad und strahlendem Sonnenschein, in Begleitung meiner Freundin Tereza. Ich hatte relativ klare Vorstellungen davon, womit ich meine Lieben beschenken wollte. Unter anderem wollte ich einen schönen, großformatigen Kalender für die gesamte Familie

erstehen und zusätzlich einen für meine Schwester. Großformatige “Calendários” seien in Brasilien nicht gängig, erklärte Tereza. Die Brasilianer hätten ein anderes Verhältnis zu Terminen. In Buchhandlungen oder hochwertigen Papelerías würden vielleicht Kalender angeboten, dort sollten wir schauen. Ob es allerdings auch brasilianische oder nur importierte Kalender geben würde, vermochte Thereza nicht zu sagen. Eine Buchhandlung und zahlreiche Papelerías haben wir durchkämmt. Erfolglos.

Einige Tage später machte ich mich erneut auf, um das Sortiment weiterer ortsansässiger Buchhandlungen zu studieren. Wie nicht anders erwartet, war die Auswahl eher bescheiden. Die drei immer gleichen Kalender mit Brasilienmotiven und ein Kalender mit schönen Aufnahmen von Rio de Janeiro.
Leider auch keine Überraschung: Nur ein einziger klitzekleiner Tischkalender mit schlechten Fotos von São Paulo wird gehandelt. Que pena, wie schade, denn ich finde, dass diese großartige Stadt mit ihrer in Teilen höchst attraktiven Architektur und ihren zahlreichen Highlights hätte wahrlich einen verdient.
Als ich meinen vorwiegend deutschen Facebook-Freunden über meine Irritation, die Weihnachtseinkäufe bei annähernd 30 Grad auslösen, berichtete, erhielt ich interessante Antworten. Den ultimativen Tipp, wie sich auch bei höchsten Temperaturen Weihnachtsfreude einstellt, möchte ich nicht unerwähnt lassen. „Als wir 2006 zur Weihnachtszeit in Chiang Mai (Thailand) im Agape Home, einem Waisenhaus, waren und auch mehr als warme Temperaturen hatten, habe ich gemerkt, dass bei mir die Weihnachtstimmung durch Weihnachtsmusik hervorgerufen wird. Als ich „Stille Nacht“ hörte und die Atmosphäre des Waisenhauses auf mich einstürmte, war mir mehr als warm und weihnachtlich zumute. Unvergesslich schöne Momente für uns, zu sehen, wie wir durch die Übergabe von ein paar Spendeneuro Kinder erleben durften, die zu einer Weihnachtsfeier so viel Spaß, Freude und Rührung zeigten, wie ich dies bei Kindern in Deutschland noch nie gesehen habe. Eine Weihnachtsfeier in einem Waisenhaus ausrichten – wir würden es jederzeit wieder tun!“ Eine schöne Idee für die Zukunft.
In diesem Jahr geht es für uns ins kalte Deutschland, mit all dem, was Weihnachten für mich ausmacht – der Familie, einer Nordmanntanne mit echten Kerzen und dezentem Weihnachtsschmuck, der Mitternachtsmesse in der Bayreuther Schlosskirche, Lebkuchen von Leupoldt und Wildschweinbraten mit Klößen und Rotkohl.
P.S.: Bevor ich mich nach zehn Monaten in São Paulo auf den Weg zum Weihnachtsbesuch in Deutschland mache, möchte ich allen Leserinnen und Lesern der Brasil-Post von Herzen ein fröhliches Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2012 wünschen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich ganz herzlich bei meinen Leserbriefschreiberinnen zu bedanken. Die liebevollen, ermutigenden Zeilen zum Thema Geduld von Ann Vierneisel und die engagierten Worte von Roswitha Schirmer haben mich berührt. Danke an Sie beide.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Von New York lernen

200.000 Einwanderer leben in der Megacity São Paulo. Die Stadt zeichne sich, laut einer Publikation der Prefeitura, der Stadtverwaltung, durch mit die größte ethnische Vielfalt weltweit aus. In der Stadt habe sich die größte Population an Japanern, Spaniern, Portugiesen und Libanesen außerhalb des eigenen Heimatlandes angesiedelt.
Im Staat São Paulo seien es mit 700.000 Menschen insgesamt sieben Prozent der Gesamteinwanderer Brasiliens.
Dementsprechend bietet São Paulo eine ungeheure kulinarische Vielfalt. Es gibt kaum ein importiertes Produkt, möge es noch so exotisch sein, das hier nicht angeboten würde. Auch kulturell ist einiges geboten. Künstler aus aller Welt gastieren in der Stadt.
Wollen die „Neu-Paulistanos“ allerdings Grüße in die Heimat schicken oder ihre Lieben mit Geschenken, die einen inhaltlichen Bezug zu ihrer neuen Heimat oder gar ihrer Stadt aufweisen, bedenken, werden sie feststellen, dass dies deutlich schwieriger ist, als beispielsweise eine gluten- und laktosefreie, vegane Waldpilzsuppe von Schneekoppe oder eine Dose mit feinstem original indischem Curry zu erwerben.
São Paulo ist eine Stadt der Arbeit und eben keine subtropische Touristenmetropole: Hier werden zwölf Prozent des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet. Die Paulistanos, die Einwohner von São Paulo, gelten als “mais introvertido, mais fechado”, als sehr introvertiert und verschlossen. Es heißt “o trabalho é uma preocupação constante” – die Arbeit würde sie konstant beschäftigen.
Klassische Touristen gibt es wenige in dieser facettenreichen Megacity. Gerade einmal 21.043 internationale Touristen besuchten die Stadt von Januar bis September 2011. Im Vergleichszeitraum konnte Berlin 710.100 Touristen aus dem nicht-europäischen Ausland und 2.007.843 europäische Besucher begrüßen.
Dafür blüht in São Paulo der Geschäftstourismus: Die Stadt konzentriert 75 Prozent des brasilianischen Messemarktes und generiert daraus mehr als R$ 4 Billionen. São Paulo steht auf dem zwölften Rang der Messe-Destinationen weltweit. Alle sechs Minuten findet

hier eine Veranstaltung statt, eine Messe wird durchschnittlich alle drei Tage veranstaltet.

Dass die Stadt überdurchschnittlich viele Geschäftsleute anzieht, ist den Tourismusverantwortlichen bewusst. Eigens für diese Zielgruppe wurde ein Programm entwickelt, das unter dem Namen São Paulo Stay Another Day neun interessante Touren vorschlägt. “Easy, functional and delightful!“ sollen die sein, ist zu lesen.

Das wäre schön, denn insgesamt macht es die Stadt Neu-Paulistanos und Touristen nicht leicht, denn eine funktionierende touristische Infrastruktur sucht der Besucher vergeblich.

Stehen nun Einwanderer wie wir, Privat- oder Geschäftstouristen vor einer Reise oder der Rückkehr in ihr Ursprungsland werden sie sich schwer tun, die Erinnerungen durch Souvenirs zu lebendig zu halten oder den Daheimgebliebenen ein Geschenk zu machen, das sichtbar aus São Paulo stammt.
Das Pendant zum weltbekannten I (rotes Herz) NY wird man vergeblich suchen, denn die Megacity scheint sich ihrer selbst nicht bewusst zu sein oder gibt sich bescheiden. Es gibt ein paar wenige São Paulo-Shirts, doch man muss gezielt und lange nach ihnen suchen(Geschäfte: Arte Na Rua oder Trilha Mix).
New York ist ein gutes Stichwort, denn die internationale, ebenfalls von Einwanderern geprägte Metropole am Hudson River treibt die Paulistanos sehr um. Man spürt scheinbar eine innere Verbindung zu der Stadt, die immer noch mit dem Mythos “if I can make there, I’m gonna make it anywhere“ behaftet ist, denn die hart arbeitenden Paulistanos erhoffen sich anscheinend das gleiche von ihrer Stadt.
Nicht, dass ich es nicht nachvollziehen könnte, denn ich liebe New York: Diese wundervolle Metropole wird hier geradezu verherrlich. So findet man unzählige Reiseführer, Bildbände, Kalender in allen Formaten zu der Stadt, die, wie São Paulo,

niemals schläft.

Vergleichbare Artikel aus São Paulo gibt es allerdings fast nicht. „Über São Paulo haben wir nur ein paar Bildbände mit eher trostlosen schwarz-weiß-Fotografien“, erklärte Christian, der mich in der Livraria Cultura, einer großartigen Buchhandlung, bei meiner Suche nach Erinnerungsträchtigem beriet.
Auch Literatur zu finden, deren Handlung in São Paulo angesiedelt ist, stellt sich als

Herausforderung dar. Viele engagierte Buchhändlerinnen und Buchhändler haben
sich redlich gemüht. Insgesamt drei Titel habe ich nach langer Suche gefunden.
Immerhin. Ein Anfang!

São Paulo sollte in der Tat von New York lernen, denn keine Stadt in dieser Welt hat die eigene Marke so perfekt emotionalisiert, wie sie.  Die subtropische Megacity besitzt ein ungeheures Potential, ohne sich der damit verbundenen Möglichkeiten in der Gänze bewusst zu sein. Ganz nach dem Motto „Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr“, gilt es, Bilder zu kreieren,

Greifbares zu schaffen. Das kommt an, wie die São Paulo-Gemälde einer Deutschen, die, so wurde mir berichtet, kaum so viel malen kann, wie sie verkaufen könnte.

Die 11-Millionen-Stadt sollte Einwanderer wie Touristen emotional „abholen“ und nicht mit dem Bus vom Flughafen ins Hotel, zum Veranstaltungsort und wieder zum Flughafen shuttlen, wie zur Formel 1 zahlreich zu beobachten war. Und dies am besten vor den anstehenden Großereignissen, der Fußballweltmeisterschaft und den Olympischen Spielen, denn eine so perfekte Gelegenheit wird sich so schnell nicht wieder bieten.

Samstag, 3. Dezember 2011

Verhaltensschulung bei Gefahrensituationen

4.320 registrierte Fälle von Mord und Totschlag, unglaubliche 506.654 Straßenraube und

68.582 Fälle von räuberischen Angriffen auf Kraftfahrer verzeichnete São Paulo im Jahr 2010.

Wurden in São Paulo statistisch 10,5 Morde pro 100.000 Einwohner verübt, lag die Zahl für Deutschland insgesamt „nur“ bei 2,7 Morden. Auffällig auch der Unterschied bei den Straßenrauben: Pro 100.000 Einwohner wurden in Deutschland 59 Fälle angezeigt. In der Megacity waren es 1.236 Fälle. In der Häufigkeit der räuberischen Angriffe auf Kraftfahrer liegt São Paulo mit 167 Fällen sogar vor Rio de Janeiro mit 125 Fällen. Die Zahlen aus Deutschland liegen bei verschwindend geringen 0,36 Fällen pro 100.000 Einwohner.
Um deutsche Staatsangehörigen, deren Partner und Kinder ab 14 Jahren zu sensibilisieren und auf ein „Worst Case Scenario“ vorzubereiten, führt das Bundeskriminalamt (BKA) im Auftrag des Auswärtigen Amtes seit 2008 Präventivmaßnahmen an den deutschen Auslandsvertretungen durch, Anfang Dezember auch in São Paulo.
Die Beratergruppe des BKA und der in São Paulo stationierte BKA-Verbindungsbeamte hatten zu einer Sicherheitsschulung in die Räumlichkeiten der AHK São Paulo eingeladen An die 100 Interessierte, darunter nicht nur Newcomer wie mein Mann und ich, sondern auch zahlreiche Mitglieder der so genannten „Global Player Initiative“, die im Jahr 2006

vom BKA ins Leben gerufen wurde, waren erschienen.

Aktuell sind 43 deutsche Unternehmen, darunter die meisten Dax-Konzerne, Teil dieser Initiative. Ob es um Schutz von Mitarbeitern und Anlagen, die Angst vor Entführungen

oder Investitionsentscheidungen geht – die Unternehmen, so ist zu erfahren, wünschten vor allem eine schnellere und umfangreichere Weitergabe von Informationen, sobald sich die Situation in einem Land oder gar für einzelne Konzerne gefährlich verschärft. Eine Art Frühwarnsystem also, in dem das BKA als zentrale Anlaufstelle für Informationen ausländischer Polizeibehörden unverzichtbar ist.

Doch auch Repräsentanten kleiner und mittelständischer Unternehmen, Ehefrauen und zwei Jugendliche sind vor Ort, jeweils mit den unterschiedlichsten Erfahrungshintergründen.
„Ich lebe seit 22 Jahren in der Stadt“, berichtete uns ein beruflicher Kontakt meines Mannes am Rande der Veranstaltung. „Einmal wurden meine Frau und ich bei der Ausfahrt aus unserem Condomínio, auf dem Weg in den Urlaub, überfallen“. Das Ehepaar reagierte vorbildlich, stieg aus dem Auto aus, überließ den Dieben das Fahrzeug und die persönlichen Wertgegenstände, ganz wie in der Sicherheitsschulung angeraten, und kam, obwohl Pistolen im Spiel waren, mit heiler Haut davon. Das mit einem Sicherheitssystem

ausgestattete Fahrzeug wurde wenig später komplett leer und reichlich lädiert in einer Favela geortet.

Dass Raubüberfälle dieser Art sogar vor Condomínios stattfinden, hat uns verblüfft. Diese bewachten Wohnanlagen, in denen viele Angehörige großer Unternehmen leben, ja häufig laut vertraglicher Regelung aus Sicherheitsgründen leben sollen, hatten wir bislang für risikofrei gehalten. In jedem Fall wurden wir in unsere Entscheidung gegen das wundervolle freistehende Haus, das wir anfangs gern bezogen hätten, bestätigt.
Von Raubüberfällen im Stau, insbesondere auf der Morumbi-Brücke, dagegen ist häufiger zu hören und zu lesen. Bereits im Vorfeld können Autoinsassen Maßnahmen treffen, die die Wahrscheinlichkeit, Ziel eines Überfalls zu werden, verringern können. Sind Laptops, schicke Aktenkoffer, prall gefüllte Handtaschen oder andere begehrliche Objekte jenseits des Sichtfelds sicher verstaut, gibt es zwar noch keine Garantie, aber den Versuch ist es wert. Sollte es den Autoinsassen dennoch treffen, sollte der sich wie unser Urlauber verhalten, sich seinem Schicksal fügen und die geforderten Wertgegenstände übergeben.
Entführungen, Geiselnahmen und Erpressungen, so hörten wir, seien ein großes Thema. Seit 1990 seien 211 Deutsche weltweit entführt worden. Die Fallzahlen seien in letzter Zeit erheblich gestiegen und die Experten rechneten mit einer weiteren Zunahme. Fünf Jahre und 100 Tage sei ein Deutscher im kolumbianischen Dschungel festgehalten worden. Dies sei der Spitzenwert, so berichtete einer der Beamten aus Deutschland.
Am häufigsten seien Express-Entführungen, in deren Rahmen der Täter das Opfer auffordert, mit ihm zu einem Bankautomaten zu fahren, die abgehobene Summe einfordert und den kurzfristig Entführten dann ziehen lässt.
Die gefährlichsten Momente jeder Form der Entführung seien die Bemächtigung und die Freilassung, unabhängig davon, ob man von den Entführern gezielt ausgewählt sei, ein Zufalls- oder ein Gelegenheitsopfer sei.
Wichtig sei es, ein gesundes Sicherheits- und Gefahrenbewußtsein zu entwickeln, Schwachstellen im eigenen Umfeld zu erkennen, seine jeweilige Umgebung gefahrenbewußt zu beobachten und ein sicherheitsgerechtes Verhalten an den Tag zu legen. Risiken könne man minimieren, indem man selbstsicher, aufmerksam und interessiert durch die Welt ginge.
So banal dies klingt. Ich denke, da ist etwas dran, denn ich muss nicht unbedingt mit edelstem Schmuck durch Downtown spazieren, mit dem iPad an einer geschäftigen Straßenkreuzung stehen oder auf dem Weg ins Restaurant nochmals schnell auf den aufgefalteten Stadtplan schauen.
Ich fahre Bus, bewege mich, mit oder ohne Begleitung, frei in dieser Stadt. Nur zwei Mal, ganz am Anfang,  habe ich mich im Ansatz unwohl oder unsicher gefühlt, denn die Großstädte, die mein Leben bislang geprägt haben, haben offenbar jenes Gefahrenbewußtsein trainiert und mir die notwendige Sicherheit beschert. Eine Portion Glück war sicher aber auch im Spiel.